Lessings Welt
Geschrieben am 14. Juli 2009 in Allgemein von admin || Keine Kommentare
Denn dank seiner magisch-radikalen Verdichtungs- und Konzentrationskünste ließen sich selbst Stücke wie beide Teile von Goethes “Faust” (115/110 Minuten) oder die komplette “Orestie” des Aischylos (100 Minuten) fast im Spielfilmformat nicht bloß neu sehen, sondern überdies ganz neu verstehen. Zwar war der junge Regisseur schon überregional aufgefallen - etwa beim Hamburger “Liliom”-Skandal 2000 -, doch der echte Paukenschlag gelang ihm am 27. September 2001 im Deutschen Theater mit “Emilia Galotti”: in achtzig Minuten um Lessings Welt. Der Klassiker ist Schulstoff - und Thalheimers Inszenierung, möchte man meinen, könnte es inzwischen auch sein. Sie wurde zum Ausrufezeichen am Beginn der Intendanz von Bernd Wilms und hat die von dessen Nachfolger Oliver Reese am Wochenende beschlossen. Insgesamt fanden 173 Vorstellungen in 18 Städten von Moskau über New York bis Tokio statt.
Bereits dieser frühe Geniestreich verrät alle Charakteristika von Thalheimers Stil, der ihn als innovativsten Regisseur seiner Generation ausweist: Ornament - sei es verbaler, theatraler oder szenischer Art - ist Verbrechen und muss energisch entfernt werden. “Werktreue hat nichts mit Texttreue zu tun”, so Thalheimer, weshalb wenig gesprochen wird - und wenn, dann durchweg in rasendem Tempo, als könnte man den Wörtern nicht trauen. Er lässt die Szenen schnell ineinander fließen und macht der Handlung ohne rhetorische Umwege Beine. Das hat ihm den Vorwurf eingetragen, lediglich Inhaltsangaben zu illustrieren, was natürlich nicht stimmt, zu präzise ausgeleuchtet und schmerzlich der Wahrheit - und nichts als der Wahrheit - verpflichtet sind seine asketisch reduzierten Interpretationen.
Obwohl freilich landauf, landab versucht wird, deren intellektuelle Qualität und theatralische Verve zu kopieren, klappt dies selten. Deshalb ist nicht überall, wo ein Klassiker rund eineinhalb Stunden dauert, schon ein Thalheimer am Werk! Dermaßen philologisch sensibel wie er vermag nämlich kaum einer die Dramen unters Skalpell zu nehmen und sie durch bühnenwirksames Schmälern sogar noch anzureichern. Dahinter steckt der visionäre, unsentimentale Kopf eines kunst- und menschenliebenden Regie-Chirurgen, der die Gefühle und Gedanken der Personen ohne Furcht vor Blut, Dreck, Traditionsverlust nur glaubt, wenn er sie bis auf den Nullpunkt der Erfahrung offen gelegt hat. Für Michael Thalheimer kann ebenfalls geltend gemacht werden, was Heiner Müller 1981 über Pina Bausch schrieb und woran sich die Zuschauer auch bei ihm erst gewöhnen mussten: “Dass eine Sphinx uns anblickt, wenn wir der Freiheit ins Gesicht sehen”.